Mikota Karin und Werner

Praxis für schamanische und spirituelle Methoden


  1. Die Geschichte von Camue
  2. Die Seelen Geburt
  3. Der sanfte Panther
  4. Der Mäuserich



Die Geschichte von Camue, dem Hirtenjungen

Werner Mikota

Alle Geschichten beginnen mit es war einmal, so auch diese. Also: es war einmal ein Hirtenjunge, der lebte im finsteren Mittelalter in einem wunderschönen Landstrich, voller sanft geschwungenen Hügel und sich an ihnen anschmiegenden Bächen.

Camue war eines Tages im Frühsommer mit seiner Herde unterwegs – es war einer dieser Tage, wo nach einem kurzen Regen die Landschaft wie gewaschen erscheint. Die Sonne wärmte Camue, die Hügel waren schwanger mit Blüten und den Duft wilder Rosen und Gewürzen. Camue war überglücklich. Die Schönheit des Landes erfasste sein Gemüt, erfüllte sein Herz und er packte seine Flöte aus, um spielend und tanzend diese Pracht der Erde zu feiern. Er tanzte rund um die Herde, rund um die Herde, bis er erschöpft in das sanfte Gras fiel und einschlief.

Ich erwache, reibe mir den Schlaf aus meinen Augen und stelle verwundernd und beängstigend fest, dass dies nicht der Ort ist, wo ich einschlief. Es ist Nacht, es ist kalt, die Mondin hüllt den Wald in ihr silbernes Licht. Die Bäume sind spitz und starr, alles wirkt leblos und ich fürchte mich. Ich fürchte mich, hier zu bleiben und wegzugehen, selbst zu erstarren und mich zu bewegen im gleichen Atemzug – ich warte – ich warte – auf was? Ich muss weg, mich bewegen, sonst friere ich ein und ich entschließe mich zu gehen, wohin ist egal, weiß es sowieso nicht, Hauptsache weg, nur nicht bleiben. Ich gehe in eine mir unbekannte Richtung, bis der Wald aufhört, eine große Lichtung sich auftut und in deren Mitte ein mächtige Burg steht – endlich eine Zuflucht. Doch Vorsicht, sind die Menschen mir dort wohlgesonnen? Oder möglicherweise muss ich dann als Sklave dienen, werde verkauft, wie ein Stück Vieh? Schau den Weg zurück! Woher bist du gekommen, möchtest du dorthin? Nun alles besser als hier zu bleiben. Ich nähere mich behutsam der Burg, stelle fest, dass die Zugbrücke heruntergelassen ist und keine Wache sie bewacht – sonderbar, die müssen sich sehr sicher fühlen. Da höre ich das Hämmern des Schmiedes, den vertrauten Rhythmus und den Klang des Amboss. Doch als ich um die Ecke biege, da gibt es keinen Schmied, es gibt da glühende Eisen und den Hammer, aber nicht den Schmied! Ich höre die Pferde im Stall, öffne die Stalltüre – und da gibt es zwar Sättel und Geschirr, aber keine Pferde! Am mein Ohr dringt das Geschimpfe des Kochs und das Geschepper von Geschirr, aber als ich in die Küche komme, kein Mensch! Ich glaube verrückt zu werden, ist das alles nur Einbildung oder Halluzination. Ich kenne mich nicht mehr aus, bin so und so schon tief verunsichert – was soll das? Angst und Wut tauchen auf, Achtsamkeit ist angesagt und die Verzweiflung, die sich da meldet, behalte ich für den Schluss. Ich wage mich vor, bis vor die mächtige Eichentüre, die zum Rittersaal führt. Dahinter das Gegröle der Ritter und das Lachen von Frauen. Mut jetzt – ich öffne die Türe und mit einem Mal verstummt der Raum, nur ein Mädchenlachen entfernt sich, verlässt langsam den Saal.

Da merke ich – es ist gedeckt! Vor mir eine Festtafel mit Spanferkel, Hühner, Fasanen, dampfende Knödel, Würste, die ich liebe, Karotten, Gurken, allerlei Gemüse und Obst. Mmm- Weintrauben und Erdbeeren und schäumendes Bier und verschiedenste Sorten Wein, frisches Brot. Essen, das ich nur aus Erzählungen und Beschreibungen kenne. Da erfasst mich ein unbeschreiblicher Appetit, ein Riese, der in meinem Bauch grummelt, ein Verlangen nach …Hühnerkeulen. Mächtig lang ich zu und beginne alles Gute in mir rein zu stopfen. Sabbernd und gierig, denn so eine Vielfalt habe ich noch nie gekostet. Das schlechte Gewissen schieb ich zur Seite und beginne nun zu genießen.

Da ertönt aus dem Nichts eine mächtig laute Stimme: “Willkommen Camue, es freut uns, dass es dir schmeckt!“ „Wer bist du? Und was ist da im Gange?“ „Du bist der Retter, der, der uns eine alte Weissagung prophezeite“ „Ich!?“ Ich erschrecke: „Ich bin doch nur ein Hirtenjunge und bewahre kein Retter!“ „Du bist hier, hier in diesem Schloss und du heißt Camue und du hast keine Wahl, außer der, deiner Bestimmung zu folgen!“ Ich überlege hin und her, eilig, um aus dieser Situation zu entfliehen. „ Dich gibt es doch gar nicht, das alles ist doch eine Halluzination“ „Oh, dein Bauch ist nicht jetzt voll, du spürst nicht den Geschmack des Weines auf deinen Lippen? Ja dann….ich bin der Fürst eines verwunschenen Landes, verflucht vor langer Zeit.“ Da erzählt er mir die Geschichte dieses Landes, die leidenden Menschen und das Ersticken alles Lebens. Die Qualen der Tiere und der Pflanzen und der Prophezeiung, dessen Teil ich bin und da bleibt mir nichts anders übrig als zu zustimmen, nachdem er versichert, sie sorgen für meine Ausbildung. Da kehren sie wieder, die Stimmen, Gelächter und Musik ertönt und es wird gefeiert.

Die Monde vergehen. Ich werde geschult im Reiten, im Gebrauch von Schwerter und Lanzen und es beginn mir Spaß zu machen. Nicht nur mein Körper, sondern auch mein Bewusstsein verändert sich, mein Verhältnis zu mir, mein Glaube an mich selbst.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Fürst mit all den anderen mich zur Kapelle führt. Das Licht strahlt  vielfärbig durch das spitzbögige Fenster auf den Altar. Schimmernd liegt dort eine blanke Rüstung, sodass ich mich darin spiegele. Ein kunstvoll geschmiedetes Schwert mir einer Klinge, die bläulich schillert und ein Wappen. „ Das ist sind deine Zeichen: die Eiche für die Beständigkeit, der Bär für deine Kraft und Beherztheit, der Fuchs für deine Schlauheit und der Adler für deinen Weitblick! Mögen dir die Kräfte zur Seite stehen“ Die Geister beginnen mich anzukleiden. Zuerst feines Linnen, dann gröbere Schafswolle, dann das Kettenhemd – langsam beginne ich die Schwere zu spüren – die Rüstungsteile, die Panzerung und den Helm, das Schild und das Schwert. Unbeweglich werde ich auf mein Pferd gehoben.

Mein Herz schlägt wissend der Prüfungen. „Was wird geschehen, welche Prüfungen muss ich bestehen, wohin soll ich reiten?“ „Es werden drei sein und du wirst sie erkennen, dein Pferd kennt den Weg“ Das Pferd bekommt einen Klaps auf die Hinterhand und sprengt mit mir hinaus, nimmt Richtung und wir reiten durch den Wald, tiefer und tiefer hinein, quälen wir uns durch das Dickicht und Unterholz. Bis wir an eine kreisrunde Lichtung kommen –

Da ist sie, die erste Prüfung! Ein roter Ritter, in roter Rüstung, auf einem roten Pferd, schnaubend und scharrend – er zieht das Schwert, gibt ihm die Sporen – das Gleiche tu ich – wir sprengen aufeinander los in entfesselnder Kraft – treffen schwer aufeinander – wir kämpfen schonungslos auf Leben und Tod – fast besiegt am Ende meiner Kraft erkenne ich die Schwachstelle meines Feindes und steche zu – Blut spritzt – besudelt meine glänzende Rüstung – er haucht sein Leben aus- stürzt von Pferd und – verschwindet! Nur der schwere Atem, das Pochen meines Herzens und sein Blut auf meiner Rüstung erinnert an den Kampf – egal – ich habe mir längst abgewohnt Fragen zu stellen – die erste Prüfung ist bestanden. Nur jetzt weiter. Ich reite weiter durch den Wald hindurch.

Da tut sich eine weite Ebene auf und ein eigenes Gefühl befällt mich, warnend und fordernd schnell zu sein. Ich folge und gebe meinem Schecken die Sporen und er beginnt zu galoppieren. Da – wo ich gerade eben gemächlich ritt – schlagen riesige Krallen eines schwarzen Drachens ein. Er zieht hoch bedeckt mit seinen Flügeln die Sonne – und verschwindet aus meinem Gesichtsfeld. Ich merke nun die Starrheit meiner Rüstung, unflexibel kann ich nur beschränkt den Himmel beobachten, der Helm lässt mir meinen Kopf nicht drehen, der Vezier teilt das wenige. Um besser beobachten zu können, lenke ich das Pferd in einem engen Kreis. Da sehe ich, wie der Drache aus der Sonne heraus angreift. Ich nehme mein Schwert und schleudere es ihm in die Brust. Sein Blut regnet auf mich, bedeckt mich. Ich verfolge seinen Flug, bis zu den Fuß von Bergen. Dort muss ich hin, denn mein Schwert steckt in seinem Körper und ich habe noch eine Prüfung zu bestehen.

Die Letzte. Müde des Kämpfens und schwer zu tragen, reite ich zu den Bergen. Eine Schlucht, ein Fluss, am Ufer der verendete Drachen, mein Schwert. Bedächtig Schritt für Schritt ins Tal, nehme mir mein Schwert, ziehe es heraus und der Drache verschwindet. Ich dürste nach Wasser, kann aber nicht absteigen, die Rüstung ist zu schwer, kann mich nicht hinunter beugen, darf nicht vom Pferd fallen, würde hilflos sein, wie ein Käfer, der am Rücken landet. So sprenge ich durch den Fluss, auf Wassertropfen hoffend, die in meine durstige Kehle dringen. Erfrischt bin ich, gelabt, erneuert, bereit der 3. Prüfung zu begegnen.

Ein alter und kleiner Mann, mit weißem Haar und weißem Gewand, mit einen weißen Stab, einem Gnom gleich, steht dort am Ufer und seine Stimme schallt zu mir, begrüßt mich. Ich ziehe mein Schwert, galoppiere auf in los und schlage auf ihn ein, treffe nur Luft, daneben erscheint ein übermächtiger Krieger, der meinen Namen ruft, ich schlage auf ihn ein. Wiederum nur Luft. Da erscheint eine junge Frau, ein Bettler, ein König, Figuren um Figuren erscheinen - gegen alle kämpfe ich, alle verschwinden – ich kann nicht mehr – die Prüfung - so kämpfe ich weiter – bis ich nicht mehr kann. Der Arm will nicht mehr, der Körper gibt auf, die Hand sinkt. Auch das Pferd kommt zur Ruhe. Da erscheint der weise Alte wieder.

„Camue – erkennst du den nicht gegen wen du da kämpfst? Du hast den roten Ritter besiegt – deine Aggression – und den schwarzen Drachen – deinen inneren Tod – und jetzt kämpfst du weiter – aber du kannst dich nicht besiegen – das alles ist in dir. Der Bettler, der Narr, die Frau, der Krieger, der König, der Musikant, all die anderen und ich. Schließe Frieden mit dir und senke dein Schwert!“

Und ich erkenne, meine Sehnsucht nach Frieden, nach Angekommen und Angenommen zu sein, ja zu mir zu sagen und großherzig zu sein.   

Die Hand öffnet sich, das Schwert fällt, es berührt den Boden und zerspringt in tausend Sonnenstrahlen. Das Ross scheut, bäumt sich auf, wirft mich ab und ich schlage hart auf. Die Rüstung zerschellt und aus ihr quellen Rosen und Tauben und es erhebt sich ein Wind und ein Ausatmen von tausend befreiten Seelen.  

Und Camue erwachte an einem Frühsommertag und nur ein Mädchenlachen entfernte sich.


Die Seelen-Geburt


Im Saal des Lichts, vibrierend, singend

Schweben die Teilchen, immer wieder neue Lichtformen bildend

…….und aus einer großen, wabernden Lichtblase, sich ständig verändernd, aus der großen Schöpfermutter teilte sich

eine Lichtkugel, schillernd in den Farben des Regenbogens.

……und da fragte die Schöpfermutter: du willst tatsächlich auf die Erde?

JA sagte meine Seele

Gut, aber vorher zeige ich dir, was passieren wird, damit du dich besser entscheiden kannst

Noch im Mutterleib wirst du den ersten Tötungsversuchen ausgesetzt.

Willst du trotzdem inkarnieren?

JA sagte meine Seele

Du wirst als Baby fast erfrieren und schwer krank werden

Willst du trotzdem inkarnieren?

JA sagte meine Seele

Du wirst von deinen Eltern nicht erwünscht sein

Willst du trotzdem inkarnieren?

JA sagte meine Seele

Deine Familie ist arm und deine Eltern streiten viel

Willst du trotzdem inkarnieren?

JA sagte meine Seele

Du wirst Unfälle und Krankheiten haben, du wirst Schmerzen erleiden und Schmerzen bringen

Enttäuscht werden und enttäuschen

Willst du trotzdem inkarnieren?

JA sagte meine Seele

Warum, sag mir, willst du geboren werden?

Ich will geboren werden, weil diese Erde voller Schönheit und Glanz ist, weil ich das Glitzern des Lichts am Kamm der Woge sehen möchte.

Weil ich den salzigen Geruch des Meeres und die Vielfalt der Düfte von Blumen in meiner Nase riechen möchte.

Weil sie voller Farben und Fülle ist, voller Überfluss und Einzigartigkeit. Ich will jede unterschiedliche Rinde eines Baumes spüren, jede Art von Haut wahrnehmen.

Weil sie angefüllt von den Melodien der Wale und den Gesängen der Vögel ist. Weil ich diese schwangere Luft in meinen Lungen aufnehmen möchte.

Und ich will geboren werden, um gestalten zu lernen, und lernen zu berühren

JA ich will die Menschen berühren, auf die eine oder andere Art und Weise. JA ich will ihr Herz berühren.

Und ich will geboren werden, um lieben zu lernen.

                                                                      Werner Mike Mikota 12.11.2017


Der sanfte Panther

Du ruhst im Unendlichen. Majestätisch und königlich

Du überblickst und wachst. Du nimmst alles war.

Deinen Barthaaren entgeht nichts

Jede Bewegung. Jede Schwingung.

Jede Veränderung

Deine Ohren hören alles

Jeden Ton. Jede Melodie.

Jedes Geräusch

Deine Nase und deine Nüstern wittern alles

Jeden Duft. Jedes Pheromon

Jeden Geruch

Dein Blick ist nach innen gerichtet, du siehst alles, alles rund um dich herum.

In deinem Sein ruhst du

Beobachtend und wartend

Auf die Gelegenheit…….

Auf eine fette Beute

Auf reiche Erfahrungen

Auf Vielfältiges Erleben

Auf Genuss und Schönheit

Auf Heilung

Auf Erfolg

Auf einen Sieg

Auf ein Triumphieren

                                              Werner Mike Mikota

                                              11.11.2017 Altmünster



Der kleine Mäuserich

 nach Hyemeyohsts Storm

Es war einmal ein vielbeschäftigter Mäuserich, der überall herumsuchte, das Gras mit seinen Barthaaren betastete und alles betrachtete. Er war vielbeschäftigt wie alle Mäuse, beschäftigt mit Mäusesachen. Doch dann und wann hörte er ein merkwürdiges Geräusch. Dann hob er seinen Kopf, kniff die Augen fest zusammen, sträubte seine Barthaare und wunderte sich. Eines Tages eilte er zu einem benachbarten Mäuserich und fragte ihn:“Hörst du ein Rauschen in deinem Ohr, mein Bruder?“

„Nein, nein“, antwortete der andere Mäuserich, ohne seine vielbeschäftigte Nase vom Boden zu heben. „Ich höre nichts. Ich bin jetzt beschäftigt. Sprich später mit mir.“

Er stellte einem anderen Mäuserich die gleiche Frage, doch dieser sah ihn ganz seltsam an. „Bist du nicht richtig im Kopf? Was für ein Geräusch?“ fragte er und schlüpfte in ein Loch im Stamm eines umgestürzten Baumes.

Der kleine Mäuserich zuckte mit seinen Barthaaren und beschäftigte sich wieder, fest entschlossen, die ganze Sache zu vergessen. Aber da war schon wieder dieses Rauschen. Es war undeutlich, sehr undeutlich, aber es war da! Eines Tages entschloss er sich, dieses Geräusch ein wenig zu erforschen. Er verließ die anderen vielbeschäftigten Mäuse, lief ein kurzes Stück und horchte wieder. Da war es! Er war eifrig am Horchen, als ihn plötzlich jemand grüßte.

„Hallo, kleiner Bruder“, sagte die Stimme, und der Mäuserich sprang vor Schreck fast aus seiner Haut. Er krümmte Rücken und Schwanz und wollte davonlaufen.

„Hallo“, sagte die Stimme wieder. „Ich bin es, Bruder Waschbär.“ Und tatsächlich, er war es! „Was machst du denn hier ganz alleine, kleiner Bruder?“ fragte der Waschbär. Der Mäuserich errötete und senkte seine Nase fast bis zum Boden. „ Ich höre ein Rauschen in meinen Ohren und bin dabei, es zu erforschen“, antwortete er verschüchtert.

„Ein Rauschen in deinen Ohren?“ erwiderte der Waschbär, während er sich neben ihn setzte. „Was du hörst, kleiner Bruder, ist der Fluss.“

„Der Fluss?“ fragte Mäuserich neugierig. „Was ist ein Fluss?“

„Komm mit, und ich zeige dir den Fluss“, sagte Waschbär.

Kleiner Mäuserich hatte furchtbare Angst, aber er war entschlossen, sich ein für allemal über das Rauschen Klarheit zu verschaffen.

„Ich kann zu meiner Arbeit zurückkehren“, dachte er, „nachdem diese Sache erledigt ist, und möglicherweise kann dieses Ding mir in all meinen geschäftigen Untersuchungen und beim Sammeln behilflich sein. Und meine Brüder sagten alle, es wäre nichts. Ich werde es ihnen zeigen. Ich werde Waschbär bitten, mit mir zurückzukehren, dann habe ich einen Beweis.“

„Also gut, Waschbär, mein Bruder“, sagte Mäuserich. „Führe mich zum Fluss. Ich werde mit dir gehen.“

Kleiner Mäuserich ging mit Waschbär. Sein kleines Herz hämmerte in der Brust. Der Waschbär führte ihn auf fremde Pfade, und Kleiner Mäuserich roch den Duft von vielen Dingen, die an diesem Weg vorbeigegangen waren. Viele Male fürchtete er sich so sehr, dass er beinahe umgekehrt wäre. Endlich kamen sie zum Fluss! Er war ungeheuer groß und atemberaubend, tief und klar an manchen Stellen und trübe an anderen. Kleiner Mäuserich war außerstande, über den Fluss zu sehen, weil er so groß war. Er brüllte, sang, schrie und donnerte auf seinem Weg. Kleiner Mäuserich sah große und kleine Stücke der Welt, die auf seiner Oberfläche fortgetragen wurden.

„Er ist mächtig!“ sagte der kleine Mäuserich, nach Worten suchend.

„Er ist eine große Sache“, antwortete der Waschbär, „aber hier, lass mich dich einem Freund vorstellen.“

An einer ruhigeren und seichteren Stelle war ein Seerosenpolster, leuchtend und grün. Darauf saß ein Frosch, fast so grün wie das Polster, auf dem er saß. Der weiße Bauch des Frosches stand deutlich hervor.

„Hallo, kleiner Bruder“, sagte der Frosch. „Willkommen am Fluss.“

„Ich muss dich jetzt verlassen“, unterbrach Waschbär, „aber hab keine Angst, kleiner Bruder, der Frosch wird nun für dich sorgen.“ Und Waschbär ging weg, am Flussufer entlang, wo er Nahrung suchte, die er waschen und essen konnte.

Kleiner Mäuserich näherte sich dem Fluss und blickte hinein. Er sah eine verängstigte Maus dort widergespiegelt.

„Wer bist du?“ fragte kleiner Mäuserich das Spiegelbild. „Hast du keine Angst so weit draußen im großen Fluss?“

„Nein“, antwortete der Frosch. „Ich habe keine Angst. Mir wurde bei meiner Geburt die Gabe gegeben, sowohl auf dem Fluss als auch in ihm zu leben. Wenn Wintermann kommt und diese Medizin einfriert, kann ich nicht gesehen werden. Aber während der ganzen Zeit, in der der Donnervogel fliegt, bin ich hier. Um mich zu besuchen, muss man kommen, wenn die Welt grün ist. Ich, mein Bruder, bin der Hüter des Wassers.“

„Erstaunlich!“ sagte endlich Kleiner Mäuserich, wieder nach Worten suchend.

„Möchtest du etwas Medizinmacht haben?“ fragte Frosch.

„Medizinmacht? Ich?“ fragte Kleiner Mäuserich. „Ja, ja! Wenn es möglich ist.“

„Dann duck dich, so tief du kannst, und spring so hoch wie du dazu imstande bist! Du wirst deine Medizin bekommen!“ sagte Frosch.

Kleiner Mäuserich tat, was man ihn geheißen hatte. Er duckte sich, so tief er konnte, und sprang. Als er es tat, sahen seine Augen die Heiligen Berge.

Kleiner Mäuserich konnte kaum seinen Augen trauen. Aber da waren sie! Dann aber fiel er zur Erde zurück und landete im Fluss!

Kleiner Mäuserich bekam Angst und krabbelte zum Ufer zurück. Er war nass und fast zu Tode erschrocken. „Du hast mich getäuscht!“ schrie Kleiner Mäuserich den Frosch an.

„Warte“, sagte der Frosch. „Du bist nicht verletzt. Lass dich durch deine Angst und deine Wut nicht blenden. Was hast du gesehen?“

„Ich“, stotterte Mäuserich, „ich, ich sah die Heiligen Berge!“

„Und du hast einen neuen Namen!“ sagte Frosch. „Er ist Springende Maus.“

„Ich danke dir. Ich danke dir“, sagte Springende Maus und dankte ihm abermals. „Ich möchte zu meinem Volk zurückkehren und ihm über das, was geschehen ist, berichten.“

„Geh. Geh also“, sagte Frosch, „kehre zu deinem Volk zurück. Es ist leicht, es zu finden. Behalte das Geräusch des Medizinflusses in deinem Rücken. Geh in entgegengesetzter Richtung zu dem Geräusch, und du wirst deine Mäusebrüder finden.“

Springende Maus kehrte zur Welt der Mäuse zurück. Aber er fand Enttäuschung. Keiner hörte ihm zu. Und weil er nass war und er keinen Weg wusste, dies zu erklären – denn es hatte nicht geregnet - , hatten viele der anderen Mäuse Angst vor ihm. Sie glaubten, er sei aus dem Munde eines anderen Tieres ausgespuckt worden, das versucht hatte, ihn zu fressen. Und sie wussten alle, dass, wenn er für das Tier, das ihn begehrt hatte, keine Nahrung gewesen war, er auch für sie Gift sein musste.

Springende Maus lebte wieder unter seinem Volk, aber er konnte seine Vision von den Heiligen Bergen nicht vergessen. Die Erinnerung brannte im Geist und im Herzen von Springende Maus, und eines Tages ging er zum Rande des Flussortes. Springende Maus ging bis zum Rande des Ortes der Mäuse und blickte auf die Prärie. Er blickte hoch, um nach Adlern zu sehen. Der Himmel war voll von vielen Flecken, jeder einzelne ein Adler. Aber er war entschlossen, zu den Heiligen Bergen zu gehen. Er sammelte all seinen Mut und lief so schnell er konnte auf die Prärie. Sein kleines Herz hämmerte vor Aufregung und Angst. Er lief, bis er zu einer mit Salbei bewachsenen Stelle kam. Er rastete und versuchte, wieder Luft zu schöpfen, als er eine alte Maus sah. Der Flecken Salbei, auf dem Alte Maus lebte, war ein Zufluchtsplatz für Mäuse. Samen waren reichlich vorhanden, und es gab Nestmaterial und auch sonst viele Dinge, um sich zu beschäftigen.

„Hallo“, sagte Alte Maus. „Willkommen.“

Springende Maus war erstaunt. So ein Platz und so eine Maus.

„Du bist wahrhaftig eine große Maus“, sagte Springende Maus mit all dem Respekt, den er aufbringen konnte. „Dies ist wahrhaftig ein wunderbarer Platz. Und die Adler können dich hier auch nicht sehen“, sagte Springende Maus.

„Ja“, sagte Alte Maus, „und man kann von hier auf alle Wesen der Prärie sehen : den Büffel, die Antilope, den Hasen und den Coyoten. Man kann sie alle von hier aus sehen und ihre Namen kennen lernen.“

„Das ist wunderbar“, sagte Springende Maus. „Kannst du auch den Fluss und die großen Berge sehen?“

„Ja und nein“, sagte Alte Maus mit Überzeugung. „Ich weiß, dass es den großen Fluss gibt. Aber ich befürchte, dass die großen Berge nur eine Sage sind. Vergiss deine Sehnsucht danach, sie zu sehen, und bleib hier bei mir. Hier gibt es alles, was du möchtest, und es ist ein guter Platz zum Leben.“

„Wie kann er so etwas sagen?“ dachte Springende Maus. „Die Medizin der Heiligen Berge ist nicht etwas, das man vergessen kann.“

„Ich danke dir sehr für das Mahl, das du mit mir teiltest, Alte Maus, und auch dafür, dass du dein großes Heim mit mir geteilt hast“, sagte Springende Maus. „Aber ich muss die Heiligen Berge suchen.“

„Du bist ein dummer Mäuserich, wenn du von hier fortgehst. Es ist gefährlich auf der Prärie! Sie nur dort oben!“ sagte Alte Maus, mit noch mehr Überzeugung. „Sie all diese Flecken! Es sind Adler, und sie werden dich erwischen!“

Es war schwer für Springende Maus fortzugehen, aber er sammelte seinen ganzen Willen und lief schnell weiter. Das Gelände war rau.  Aber er krümmte seinen Schwanz und lief mit aller Kraft. Er konnte die Schatten der Flecken auf seinem Rücken fühlen, während er rannte. All diese Flecken! Endlich lief er in eine Gruppe von Wildbeerensträuchern hinein. Springende Maus konnte kaum seinen Augen trauen. Hier war es kühl und sehr geräumig. Es gab Wasser, Beeren und Samen zu fressen, Gräser zu sammeln für Nester, Löcher zu erforschen und viele, viele andere Beschäftigungen. Und da gab es auch eine große Menge von Dingen zum Sammeln.

Er war dabei, seine neue Domäne zu erforschen, als er ein sehr schweres Atmen hörte. Er forschte rasch nach dem Geräusch und entdeckte seinen Ursprung. Es war ein großer Hügel aus Haaren mit schwarzen Hörnern. Es war ein großer Büffel.

 Springende Maus konnte kaum die Größe des Wesens glauben, das er dort vor sich sah. Es war so groß, dass Springende Maus in eines seiner Hörner hätte hineinkriechen können. „So ein prachtvolles Wesen“, dachte Springende Maus und schlich sich näher heran.

„Hallo, mein Bruder“, sagte der Büffel. „Ich danke dir für deinen Besuch.“

„Hallo, großes Wesen“, sagte Springende Maus. „Warum liegst du hier?“

„Ich bin krank und sterbe“, sagte der Büffel, „und meine Medizin sagt mir, dass nur das Auge einer Maus mich heilen kann. Aber kleiner Bruder, so etwas wie eine Maus gibt es nicht.“

Springende Maus war erschüttert. „Eines meiner Augen!“ dachte er. „Eines meiner winzigen Augen.“ Er huschte zu  den Wildbeerensträuchern zurück. Aber das Atmen wurde schwerer und langsamer.

„Er wird sterben“, dachte Springende Maus, „wenn ich ihm nicht mein Auge gebe. Er ist ein zu großes Geschöpf, um ihn sterben zu lassen.“

Er ging dorthin zurück, wo der Büffel lag, und sprach :“Ich bin eine Maus“, sagte er mit zitternder Stimme. „Und du, mein Bruder, bist ein großes Wesen. Ich kann dich nicht sterben lassen. Ich habe zwei Augen, also kannst du eines davon haben.“

Im gleichen Augenblick, als er es sagte, flog Springende Maus` Auge aus seinem Kopf heraus, und der Büffel war geheilt. Der Büffel sprang auf und erschütterte die ganze Welt von Springende Maus.

„Ich danke dir, mein kleiner Bruder“, sagte der Büffel. „Ich weiß von deiner Suche nach den Heiligen Bergen und von deinem Besuch am Fluss. Du hast mir das Leben geschenkt, so dass ich den Menschen Gaben machen kann. Ich werde für immer dein Bruder sein. Lauf unter meinem Bauch, und ich werde dich bis zum Fuß der Heiligen Berge bringen, und du brauchst dich nicht vor den Flecken zu fürchten. Die Adler können dich nicht sehen, während du unter mir läufst. Alles, was sie sehen werden, ist der Rücken eines Büffels. Ich stamme aus der Prärie und würde auf dich fallen, wenn ich versuchen würde, auf die Berge hinaufzugehen.“

Kleiner Mäuserich lief unter dem Büffel, geschützt und verstecht vor den Flecken, aber mit nur einem Auge war es erschreckend. Die großen Hufe des Büffels erschütterten die ganze Welt jedes Mal, wenn er einen Schritt machte. Endlich kamen sie zu einem Platz und Büffel blieb stehen.

„Hier muss ich dich verlassen, kleiner Bruder“, sagte der Büffel.

„Ich danke dir sehr“, sagte Springende Maus. „Aber weißt du, es war sehr beängstigend, unter dir mit nur einem Auge zu laufen. Ich war ständig in Furcht vor deinen erderschütternden Hufen.“

„Deine Angst war umsonst“, sagte Büffel. „Denn meine Art des Gehens ist der Sonnentanzweg, und ich weiß immer, worauf meine Hufe fallen werden. Ich muss nun in die Prärie zurückkehren, mein Bruder. Du kannst mich dort immer finden.“

Springende Maus begann sofort, seine neue Umgebung zu untersuchen. Da waren sogar noch mehr Dinge als an den anderen Plätzen, mehr Beschäftigungen und eine Vielfalt von Samen und anderen Sachen, die Mäuse mögen. Bei der Untersuchung dieser Sachen stieß er plötzlich auf einen grauen Wolf, der da saß und absolut nichts tat.

„Hallo, Bruder Wolf“, sagte Springende Maus.

Die Ohren des Wolfes wurden aufmerksam, und seine Augen leuchteten.

„Wolf! Wolf! Ja, das ist es, was ich bin, ich bin ein Wolf!“ Aber dann erblasste sein Gesicht wieder, und es dauerte nicht lange, bis er wieder still da saß, ohne sich zu erinnern, wer er war. Jedes mal, wenn Springende Maus ihn daran erinnerte, wer er war, wurde er durch die Mitteilung angeregt, vergaß es aber bald wieder.

„So ein großes Wesen“, dachte Springende Maus, „aber er hat kein Gedächtnis.“

Springende Maus ging zum Mittelpunkt dieses neuen Ortes und war still. Er lauschte sehr lange dem Pochen seines Herzens. Dann war er plötzlich entschlossen. Er huschte dorthin zurück, wo der Wolf saß, und sprach.

„Bruder Wolf“, sagte Springende Maus....

„Wolf! Wolf!“ sagte der Wolf...

„Bitte, Bruder Wolf“, sagte Springende Maus, „bitte hör mich an. Ich weiß, was dich heilen wird. Es ist eines meiner Augen. Und ich möchte es dir geben. Du bist ein größeres Wesen als ich. Ich bin nur eine Maus. Bitte nimm es an.“ Als Springende Maus aufhörte zu sprechen, flog sein Auge aus seinem Kopf, und der Wolf war geheilt.

Tränen flossen die Backen des Wolfes herab, aber sein kleiner Bruder konnte sie nicht sehen, denn er war jetzt blind.

„Du bist ein großer Bruder“, sagte der Wolf, „denn jetzt habe ich mein Gedächtnis. Aber nun bist du blind. Ich bin der Führer zu den Heiligen Bergen. Ich werde dich hinbringen. Dort ist ein großer Medizinsee. Der schönste See der Welt. Die gesamte Welt spiegelt sich darin. Die Menschen, die Zelthäuser der Menschen und all die Wesen der Prärie und des Himmels „Bitte bring mich hin“, sagte Springende Maus.

Der Wolf führte ihn durch die Tannen zum Medizinsee. Springende Maus trank das Wasser aus dem See. Der Wolf beschrieb ihm die Schönheit.

„Ich muss dich hier verlassen“, sagte der Wolf, „denn ich muss zurückkehren, damit ich andere führen kann, aber ich werde so lange bei dir bleiben, wie du es wünscht.“

„Ich danke dir, mein  Bruder“, sagte Springende Maus, „aber obwohl ich Angst davor habe, allein zu sein, weiß ich, dass du gehen musst, um anderen den Weg zu diesem Platz zu zeigen.“

Springende Maus saß da und zitterte vor Angst. Es war sinnlos zu laufen, denn er war blind, aber er wusste, dass ihn hier ein Adler finden würde. Er fühlte einen Schatten auf seinem Rücken und hörte das Geräusch, das Adler machen. Er spannte sich an für den Schlag. Und der Adler traf! Springende Maus schlief ein.

Dann wachte er auf. Die Überraschung, noch am Leben zu sein, war groß, aber jetzt konnte er sehen! Alles war verschwommen, aber die Farben waren wunderschön.  

„Ich kann sehen ! Ich kann sehen!“ sagte Springende Maus immer wieder. Eine verschwommene Form kam auf Springende Maus zu. Springende Maus kniff die Augen fest zusammen, aber die Form blieb verschwommen.

„Hallo, Bruder“, sagte eine Stimme. „Willst du etwas Medizin?“

„Etwas Medizin für mich?“ fragte Springende Maus. „Ja! Ja!“

„Dann duck dich so tief du kannst“ sagte die Stimme, „und spring so hoch du kannst.“

Springende Maus tat, wie man ihn geheißen hatte. Er duckte sich so tief er konnte und sprang! Der Wind fing ihn auf und trug ihn höher.

„Hab keine Angst“, rief ihm die Stimme zu. „Klammere dich an den Wind und hab Vertrauen!“

Springende Maus tat es. Er schloss seine Augen und klammerte sich an den Wind, und der trug ihn höher und höher. Springende Maus öffnete seine Augen, und sie waren klar, und je höher er kam, desto klarer wurden sie. Springende Maus sah seinen alten Freund auf einem Seerosenpolster auf dem wunderschönen Medizinsee. Es war der Frosch.

„Du hast einen neuen Namen“, rief der Frosch. „Du bist Adler!“   

nach Hyemeyohsts Storm "die sieben Pfeile" ISBN 9783770519231